Was mach ich hier eigentlich?

Von Richard Lehmann / Juli, 6, 2014 / 2 Kommentare

Man, was für ein Wochenende. 30°C im Schatten und feinstes Badewetter.
Unser Wochenende startet Samstagmorgen gegen um acht Uhr morgens und endet Sonntagabend 23 Uhr.

Zwischendrin liegen eine wunderbare Hochzeit in Großenhain, unzählige Autobahnkilometer, ein Probestyling, ein Probeshooting und viele interessante Gespräche mit lieben Menschen bei wunderbaren Essen.
Eigentlich will ich am Sonntag ein wenig eher zu Hause sein. Ein wenig Freizeit genießen und vielleicht ein paar Fotos bearbeiten. So gegen sechs Uhr Abends ist doch eine gute Zeit. Vielleicht nochmal kurz rausgehen und das schöne Wetter genießen, bevor es wieder schlechter wird. Eigentlich müsste ich auch einmal etwas zeitiger ins Bett gehen, damit ich endlich mal etwas mehr Schlaf bekomme. Mehr Zeit für mich.
Es ist nun bereits 21:30 Uhr und ich sitze mit Christian (dem zukünftigen Bräutigam) in einem Hochsitz irgendwo zwischen einem Stück Wald und einem Kornfeld, lasse die die Arme aus dem Fenster baumeln und beobachte, wie die Sonne am Horizont zu einem roten Feuerball aufglüht und schließlich untergeht. Der wohl schönste Sonnenuntergang seit langer Zeit. Zu meinen Füßen steht eine angefangene Flasche Bier, gleich daneben liegt meine Kamera.
Eigentlich wollten wir nur mal eben für zehn Minuten rausgehen und ein paar Testfotos schießen.
Eigentlich wollte ich dann sofort nach Hause fahren und mit meinen Fotos anfangen.

Oft wird mir auf Hochzeiten von Gästen eine Frage gestellt: „Sag mal, kannst du eigentlich davon leben?“

Ja, ich kann. Werde ich damit reich? Ist mir doch egal.
Überhaupt, was bedeutet es, reich zu sein?
Sich aller sechs Monate das neuste Modell meines Lieblingsmittelklassewagens vor die Tür zu stellen?
Von Montag bis Freitag arbeiten zu gehen, um zur Hauptsaison mit allen Anderen im Flugzeug zur nächsten Südseeinsel zu sitzen?
Mir aus Spaß bei Mediamarkt einen 70-Zoll-3D-Fernseher mit paroboler Form…ja, es muss Halbmondförmig sein, sonst kommt doch der dreidimensionale Effekt nicht richtig rüber…zur Nullprozent-Finanzierung zu holen?
Mit seinen Lieben einen Spiele-Abend verbringen?

Wöchentlich bin ich als Hochzeitsfotograf bei vielen Familien gebucht. Ich treffe jedes Mal wieder auf neue Lebensentwürfe und Sichtweisen auf die Welt, wie ich sie mir so noch nicht vorgestellt habe.

Ich sitze auf dem Beifahrersitz eines 64er Chevy, auf der Ladefläche eines Ford 150, laufe mit einer Trommel um den Hals und einer kompletten Hochzeitsgesellschaft neben schottischen Musikern quer über den Markt einer Kleinstadt, sitze im Flieger zu den Seychellen, erlebe liebe Gesten und kleine Dramen, werde von vielen Menschen umarmt und von anderen beleidigt, sitze in der ersten Reihe bei dem wichtigsten Tag im Leben meiner Brautpaare und genieße das Vertrauen einer kompletten Hochzeitsgesellschaft, finde meine Fotos auf Facebook-Profielen wieder und erhalte Nachrichten von überglücklichen Hochzeitsgästen, welche mir sagen wollen, dass sie meine Fotos einfach nur toll finden.

Unser Wochenende startet Samstag früh um acht und findet eine kurze Pause Sonntag früh um zwei, nur um kurze Zeit später ein paar hundert Kilometer entfernt wieder seinen Lauf zu nehmen. Immer die Kamera griffbereit. Immer den Styling-Koffer auf den Rücksitz. Jetzt ist es Montag 0:10 Uhr. Ich sitze vor meiner Tastatur und schreibe mir diesen Text von der Seele. In ein paar Stunden bin ich wieder im Fotostudio und fotografiere eine junge Familie mit ihrem neugeborenen Kind. Wir haben uns erst vor ein paar Tagen zu diesem Shooting verabredet, saßen gemütlich zusammen und haben kurz über die Welt geredet.

Ob ich von meiner Arbeit leben kann? Ich habe keine Arbeit. Ich habe ein Leben. Und alles darum herum ist genau das, was ich schon immer machen wollte. Liebe Menschen kennenlernen, eine schöne Zeit mit ihnen verbringen und dabei das ein oder andere Foto zu schießen.

Was mach ich hier eigentlich? Ich denke gerade an meine Gespräche mit einem wunderbaren Menschen auf dem Hochsitz im Sonnenuntergang zurück. Und du so?


Kommentare:

  • chris

    hi richard,
    das hört sich super an und ist auch mein ziel, ein leben zu haben. ich verfolg dich schon länger, also les hier mit und erfreu an deinen/euren bildern. wünsch dir weiter ein tolles leben :)

    vg aus muc
    chris

  • Christian

    Hi Richard,

    deine netten Worte ehren mich sehr. Ich hoffe, dass wir diesen traumhaften „Abend unter Männern“ einmal wiederholen können.
    Halt an dem fest was du hast und geh weiter deinen Weg. Du hast das Zeug zu den Besten zu gehören.

    „Du bist was du tust“ sagt man.
    Aber was man eigentlich sagen sollte ist: „Egal was du tust, tue es mit Herz!“.
    Du hast bereits verstanden, was erfolgreiche und glückliche Menschen ausmacht. Etwas, was die meisten bis zu Ihrem Tode nicht verstehen.
    Vielen Dank für alles Bisherige und eine ganz tolle Zeit.

    Bis Samstag, wir freuen uns auf Euch.

    Beste Grüße

    Christian

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